Die Stadt der Hinzugezogenen

Heimatvertriebene haben Neutraubling auf einer Ruine gegründet und gemeinsam mit Geflüchteten und Auswanderern vieler Länder zu einer wohlhabenden Stadt entwickelt. Ein spannender Schauplatz für die Recherchen einer „Grenzgeschichten“-Projektgruppe, die sich mit der Identität der Zuwanderungsstadt beschäftigt.

https://www.youtube.com/watch?v=BktOs6F-wEM

Luftaufnahme des Messerschmitt-Werkes im Sommer 1943; CC: Agneshm

Die Entwicklungsgeschichte Neutraublings beginnt finster: Während der NS-Zeit produzierten auf dem heutigen Stadtgebiet die Messerschmitt-Werke Militärflugzeuge für den Kriegseinsatz, unter anderem den als „Gigant“ bekannten Lastensegler Me 321 und den ersten Düsenjäger Me 262. Dies geschah unter Ausbeutung von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen und ab Februar 1945 auch von Insassen des direkt auf dem Werksgelände eingerichteten KZ-Außenlagers Obertraubling. Natürlich war die Rüstungsstätte ein wichtiges Ziel für die Luftangriffe der Alliierten, weshalb sie bis zum Kriegsende beinahe vollständig zerstört wurde. Als nach 1945 fast 2 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten des deutschen Reiches und aus deutschen Siedlungsgebieten in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa in Bayern ankamen, musste das zerbombte Areal als provisorische Notunterkunft herhalten. Und doch wurde es zum Ausgangspunkt für eine neue Heimat:

1951 wurde die Gemeinde Neutraubling als vierte Vertriebenengemeinde Bayerns gegründet und 1986 zur Stadt erhoben. Dass Neutraubling heute ein Industriestandort mit Know-How ist und eine Stadtentwicklung mit Perspektive vorweisen kann, verdankt der Ort besonders seinen Gründern. Die Flüchtlinge und Vertriebenen brachten  ihr Können aus der alten Heimat mit, bewiesen Improvisationstalent und gründeten kleine Betriebe und Verbände. Die in Neutraubling ansässige Krones AG zählt heute zu den wichtigsten Arbeitgebern im Landkreis Regensburg.

Auch die gesellschaftliche Entwicklung der BRD spiegelt sich in der Stadtgeschichte: nach der Gründung blieb Neutraubling für Immigranten attraktiv, so ließen sich bis in die 80er Jahre Italiener und Türken nieder. In den 90ern fanden Bürgerkriegsflüchtlinge aus der Balkanregion in Neutraubling Schutz und Arbeit. Aus Fremden wurden Mitbürger: heute sind in der Stadt 70 Nationen vertreten. Sie kümmern sich jetzt um Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Nahen Osten.

So begegnen sich in Neutraubling verschiedenste Erfahrungswelten und individuelle Lebenswege, aus denen eine  gemeinsame Stadtgeschichte entsteht. Was bedeutet der multikulturelle Hintergrund für die Stadt und seine Bürgerinnnen und Bürger? Wie definieren sich Identität, Heimat und Zugehörigkeit?

Aus diesen Fragen entwickeln Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Studierenden ihre crossmedialen Grenzgeschichten: Eine achte Klasse des Gymnasiums Neutraubling arbeitet mit dem Studiengang der Geschichtsdidaktik an der Universität Regensburg zusammen. Mehr zum Projekt 

 

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