Drei Generationen

Drei Generationen

cc Stiftung Zuhören

Reiner Kunze im Gespräch mit Schülern.

„Das Buch („Die wunderbaren Jahre“ von Reiner Kunze) bildete die Seele einer ganzen, zwischen 1950 und 1960 geborenen Generation in der DDR ab“ schrieb Arnold Vaatz im Tagesspiegel letztes Jahr, anlässlich des 80. Geburtstags des Dichters.
Mein Vater wird dieses Jahr achtzig, d.h. ich könnte Reiner Kunzes Sohn sein, und morgen beginnt der zweite Workshop mit Jugendlichen, die wiederum genauso alt sind wie meine eigenen Söhne – dies sind die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, während ich mich auf meine Reise nach Passau vorbereite. Drei Generationen, die deutsche Geschichte aus unterschiedlichen Zeitfenstern und Perspektiven betrachten. Am Montag treffen sie aufeinander.

Unser Thema ist dieses Mal DECKNAME LYRIK. In diesem Buch hat Reiner Kunze Stasi-Unterlagen veröffentlicht, die seine Überwachung durch die Stasi dokumentieren. Seine Generation hat Zensur, Bespitzelung und Diktatur in der DDR erleben müssen. Meine Generation in der BRD, die sogenannte Generation X, hat noch gegen die Volkszählung demonstriert. Heute bekommen wir vor lauter Staunen den Mund nicht wieder zu, dass der viel gepriesene Rechtsstaat, dessen Werte wir verinnerlicht haben, sich durch digitale Hintertüren selbst abzuschaffen droht. Die dritte Generation schließlich, die Generation Facebook im vereinten Deutschland, hat die Veränderungen, die mit der digitalen Revolution auf uns alle einbrachen, nicht bewusst miterlebt. Auch scheint sie diese gar nicht als besonders problematisch zu empfinden. Sagen jedenfalls meine Söhne. Ob die Jugendlichen in Passau genauso drauf sind, wird sich herausstellen.

Die Fragen an Reiner Kunze, die die Schüler bisher im Unterricht erarbeitet haben, betreffen vor allem die Methoden der Stasi und das Leben als Dichter in einer Diktatur. Schließlich gilt Reiner Kunze als poetischer Wegbereiter des Zusammenbruchs der DDR. Mich persönlich beschäftigen vor allem die Parallelen des Textes zu meiner Gegenwart, zum Hier und Jetzt. Auch wir werden überwacht. Aber trotzdem fühlen wir uns frei. Das war damals nicht so. Im Gegenteil, Menschen wurden eingeschüchtert, denunziert, verhaftet und sogar hingerichtet, wenn sie die falsche Meinung vertraten. Der Mut von Reiner Kunze war gewaltig. Er blieb sich selbst und seiner Sache treu.
Wie aber funktioniert der „aufrechte Gang“ im
„digitalen Panoptikum“?

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